Interview zum Thema „Freiarbeit heute“

Warum machen Sie in ihrer Klasse FA ?

Die Freiarbeit (FA) ist für mich eine Form des sogenannten „Offenen Unterrichts“, der von den Schülern weitgehend selbst getragen und von Lehrern begleitet wird. Das Montessori-Motto „Hilf mir, es selbst zu tun“ bringt die Idee dieses Lernens auf den Punkt: Der Schüler kann in die Rolle des eigenen Lernchefs wachsen und zwar durch selbst oder mit anderen gelöste Aufgaben. In der FA haben die Schüler die Chance, selbst zu entscheiden, was, womit, wo, mit wem und wie lange sie lernen. Sie trainieren dabei auch ständig, wie sie einen Lernprozess organisieren, so dass sie eine begonnene Aufgabe auch abschließen können.

Was tun Ihre Schüler in der FA ?

In der 5. Klasse und im ersten Halbjahr des 6.Schuljahres übten sich meine Schüler in der Freien Arbeit, lernten dabei auch wie sie lernen. Sie probierten verschiedene Wege aus. Mittlerweile wissen z.B. viele wann sie lieber allein und wann sie mit wem zusammenarbeiten können. In der 5. Klasse arbeiteten die Schüler vor allem an Aufgaben, die ich für sie in der Klasse vorbereitet hatte.

Was für Themen behandeln Sie in der FA ?

Wir begannen mit Deutsch, Bio, Erdkunde, Geschichte. Aber auch Übungen zur Konzentration und Geschicklichkeit (wie z.B. Jonglierübungen) wurden durchgeführt. Mittlerweile sind wir in der 6.Klasse zum projektorientierten Unterricht übergegangen. Das heißt, dass die Schüler sich e i g e n e Themen zur Bearbeitung suchen. Zur Jahresabschlusspräsentation vor Eltern und Freunden haben die Schüler z.B. folgende Themen vorbereitet: „Einführung in die Computer-Hardware“, „Malen am PC“, „Alles über Säugetiere“, „10-Finger-Tipp-Programm“, „Lieblingsrezepte der Klasse“, „Die Dragonballz-Welt“, „Adventure-Spiel Siedler II“, „TKKG-Software“, „Wer wird Millionär“, „Graffiti“, „Das Auto“, „Architekten-Software“ usw.

Wann haben Sie angefangen, FA zu unterrichten ?

Die Freiarbeit und andere Formen des Offenen Unterrichts habe ich schon während des Studiums kennen gelernt und als junger Lehrer praktiziert, also seit ungefähr 1978.

Wie viele Stunden unterrichten Sie in der Woche FA ?

4-5 Stunden in der Woche stehen meinen Schülern für projektorientierte Arbeiten zur Verfügung. Für die Projektpräsentation (vor Mitschülern oder auch vor Eltern und Freunden) arbeiten sie mit mir auch nachmittags und machen „Überstunden“, damit alles klappt. Das heißt, die Projektthemen werden ganz zielgerichtet für die Vorstellung vor anderen angepackt. Damit schaffe ich einen „Ernstcharakter“, den Montessori übrigens für ältere Schüler in ihrem „Erdkinderplan“ bereits beschrieben hat.

Was machen Sie mit Schülern, die nichts tun ?

Ich suche mit diesen Schülern das Gespräch und kläre ab, ob sie evtl. Hilfe brauchen. Die Bequemen, die wenig arbeiten, bekommen spätestens bei den ersten Projektproben vor der Klasse Probleme und beginnen dann meist ihren Endspurt, um gegenüber den anderen nicht zurück zu fallen. Jeder ist für sich verantwortlich, auch für sein Lernen, also auch dafür, ob jemand vielleicht gerade nichts lernen will. Ich achte allerdings sehr darauf, dass keiner beim Lernen oder Arbeiten gehindert wird.

Gibt es Regeln für die FA ?

Es gibt zwei Regeln für die FA:

1.Verhalte dich so, dass du andere nicht störst.

2.Verhalte dich so, wie du möchtest, dass man dich behandelt.

Was machen Sie mit denen, die sich nicht an die Regeln halten ?

Im Klassenrat haben wir Verhaltensregeln abgesprochen. Jeder, der Regeln bricht, weiß daher auch, dass vereinbarte Folgen (z.B. extra Dienste übernehmen) entstehen. Bei wiederholten Regelbrüchen muss der Schüler mit Konsequenzen durch den Klassenlehrer rechnen (Eintrag ins Klassenbuch usw.).

Bei der projektorientierten Arbeit beobachte ich allerdings kaum Störungen. Die treten eher im normalen Unterricht auf, wenn also mehr der Lehrer das Thema und den Ablauf bestimmt.

Dürfen Ihre Schüler am Computer arbeiten ?

Sie dürfen nicht nur, sondern ich fördere den Umgang mit dem PC, so oft es sich anbietet.

Was machen Ihre Schüler am Computer ?

Textverarbeitung, Recherchen im Netz für ihre Projekte, Mailen und Chatten sowie Übungen mit Lernprogrammen z.B. in Englisch, Deutsch, Erdkunde und Mathe.

(Interview mit Lehrer Bernd Kowol aus dem Jahre 1999)


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