Fotografieren oder Knipsen?

Ein Beitrag von Harald Deilmann, 1999

Was ist wirklich wirklich?

„Fotos geben die Wirklichkeit so wieder, wie sie ist!“ Diese Einstellung bringen fast alle Schüler mit in den Foto-Unterricht.

Sie wissen zwar, dass meistens nur die Urlaubs-Wirklichkeit geknipst wird und nicht die normale Tagesrealität. Sie wissen, dass fotografierte Personen sich für´s Foto produzieren, aber das ändert ihre Einstellung zum Foto nicht.

Unsere Schule hat „nur“ ein Schwarz-Weiß-Labor, aus technischen und finanziellen Gründen. Die Schüler sehen darin zunächst einen Mangel (an Realitätswiedergabe). Der Vorteil liegt darin, dass S-W-Fotos ganz offensichtlich nicht der Wirklichkeit entsprechen. Trotzdem bleibt der erste Impuls: Knipsen was man gern mag, Autos, Mitschüler, usw.

Unwirkliche Abbildung der Wirklichkeit

Das Ziel des Unterrichts ist es, die Einstellung zum Fotografieren zu verändern – und zwar durch Erfahrung.

Erste Übungen finden mit Dingen statt, die sich selbst nicht darstellen können, alltägliches wie der Inhalt des Federmäppchens oder der Hosentache. Diese Dinge werden auf Fotopapier gelegt und belichtet. Es erscheint beim Entwickeln der Schattenriss in weiß auf schwarzem Grund. Nebenbei lernt man dabei den Umgang mit den Fotochemikalien.

Die Wiedergabe der wirklichen Stifte usw. ist ganz unwirklich und es beginnen Versuche, diese Fotogramme bewusst zu gestalten. Die Aktivität des „Fotografen“ ist nötig sowie sein individuelles Schönheitsempfinden. Die Fotogramme entwickeln sich vom Zufallsprodukt zum eigenen (Kunst-) Werk. Manchmal gibt es auch ganz pfiffige Ideen. Ich erinnere mich gut an ein Fotogramm aus Kondom und Zahnbürste (hier nachempfunden). Als Unikat besitzt es die Künstlerin.

Im Wald vor lauter Bäumen genau hinsehen!

Dann geht es nach „draußen“ in die Wirklichkeit, denn ohne sie kommt ein Fotograf kaum aus. Wir fotografieren Dinge, die jeder kennt aber fast nie genau anschaut, z.B. Wald. Der Wald kann nicht einfach geknipst werden. Der Fotograf muss selbst bestimmen wie der Wald (auf dem Foto) aussieht. Welche Möglichkeiten es gibt, das wird immer wieder geübt (z.B. Frosch- und Vogelperspektive, Details, Vordergrund,…).

Alte Wirklichkeit neu entdeckt.

Fotografieren in (fast) unbekannter Umgebung – ein Friedhof. Es gibt viele Wirklichkeiten: protzige Grabmale reicher Familien, schlichte Kriegsgräber.
Wer hier herumgeht, der knipst bestimmt nicht mehr, der fotografiert überlegt seine Bilder. Es entsteht das Bewusstsein: Dieses Foto ist meins, das macht nicht jeder so – ein ganz natürliches Bewusstsein geistigen Eigentums.

Mein Bild

Wer stolz ist auf seine Werke, der möchte sie auch angemessen präsentieren. Die besten Bilder werden mit einfacher Ausfleckretusche bearbeitet, mit Schrägschnittpassepartouts versehen und gerahmt. Nicht zu vergessen, dass sie vom Fotografen signiert werden.


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