Neue Medien und „Hilf mir, es selbst zu tun“

Medienpädagogische Gedanken eines Montessori-Lehrers, von Bernd Kowol, im Juni 1999

Mit unserem diesjährigen netd@ys ´99 – Beitrag können wir erstmals mit Multimedia (Text-, Bild-, Video- und Audio) unsere medienpädagogische Arbeit mit SchülerInnnen ins Netz stellen.

Medienpädagogik hat an unserer Schule einen allgemein akzeptierten Stellenwert. Konsens besteht darin, dass die Bedeutung der Medienerziehung sich allein schon daraus ergibt, dass eine offene demokratische Gesellschaft bestimmte Informationsmittel braucht und dass der Einzelne sich nur mit Hilfe der Medien zurechtfinden kann. Über den konkreten Stellenwert im pädagogischen Alltag gibt es bei uns eine rege Diskussion.

Ich möchte mit meinem Diskussionsbeitrag begründen, warum gerade an einer Montessori-Hauptschule die Integration der Neuen Medien in den Klassenunterricht die Aktualität der Schüleraufforderung Montessoris „Hilf mir, es selbst zu tun!“ beschreibt.

Das einzig Beständige ist der Wandel

Wer Schülern und besonders Hauptschülern Chancen geben will, im politischen und kulturellen Leben mitreden zu können sowie sich im Berufsfeld zu behaupten, hat im Unterricht auch die neuen Kulturtechniken zu integrieren. Informatik muß als Pflichtunterricht zum Einüben der Grundlagen und als integriertes Angebot im Klassenunterricht selbstverständlich werden.

Zu den neuen Medien gehören alle TV-, Telefon- und EDV-Technologien, die per Kabel oder via Satellit Kontakte rund um den Globus ermöglichen. Vor 20 Jahren noch war der „Persönliche Computer“ die Revolution in der Datenverarbeitung. Für Aufgaben, die die Zusammenarbeit mehrerer Menschen erfordern, ist der Rechner im Netzverbund schon jetzt unverzichtbare Kulturtechnik. Vor allem durch die ständigen technischen Verbesserungen wird das Internet, -das World Wide Web (W3)- die bisher relativ isoliert dargebotenen Video-, Audio- und Printmedienbereiche multimedia zusammenführen. Die Handhabung wird spürbar leichter und auch für Laien anwendbar. Das W3 schafft dadurch einen neuartigen und offenen Zugang zu Informationsangeboten aus nah und fern.
Das W3 ist Kontaktmedium und Informationspool in Ausbildung und Beruf. Von der Blumenverkäuferin per Fleurop-E-Mail-Dienst, über die Lagerverwaltung per EDV bis hin zum Online-Markt gilt: Ohne Kenntnisse am vernetzten PC wird man schon heute der Dumme sein.

Montessoris „kosmische Erziehung“, „vorbereitete Umgebung“ und „Freiarbeit“ als Hilfe zur behutsamen Übernahme von Kulturtechniken und Teilhabe an der Umwelt – ein aktueller Beitrag zur Förderung des „mündigen Bürgers“

Maria Montessori zeichnet sich durch die Hilfe zur Selbsthilfe bei einzelnen Lernbausteinen aus, die fortwährend in Beziehung gesetzt werden. „Einzelheiten lehren bedeutet Verwirrung stiften. Die Beziehung unter den Dingen herstellen, bedeutet Erkenntnisse vermitteln.“

Vom „Entweder oder“ zum „Sowohl als auch“: Unterricht mit Herz, Kopf und Hand hat mehrere Erfahrungsebenen zu bedienen. So bedingen sich selbstverständlich körperliche Bewegung und geistige Arbeit, Lernen im Klassenzimmer und bei Exkursionen. „Das Verlassen eines Zimmers oder eines Klassenraumes, mit dem Ziel, sich in die äußere Welt zu begeben, die alle Dinge in sich enthält, bedeutet natürlich, der Unterweisung ein gewaltiges Tor zu öffnen…“. Der Klassenraum ist die für den Schüler „vorbereitete Umgebung“, die ein hohes Maß an Eigenständigkeit und Freiheit und gleichzeitig Orientierung im Kontext gesellschaftlicher Anforderungen gewährleisten soll. Die Freiarbeit soll den Kindern Material für „sensible Phasen“ bereitstellen und die „Polarisation der Aufmerksamkeit als Lernvorgang“ ermöglichen. Das Mit-Und-Voneinander-Lernen ist dabei das Feld für soziales Lernen.

Die polarisierende Diskussion konstruierter Gegensatzpaare („Surfen statt denken“, „Bewegung contra multimedia“ oder die „faustischen Thesen“ des Clifford Stoll im Spiegel vom 18.10.99) bedienen die wirklich nicht neue konservative Medienpädagogik. Übertreibungen werden dabei geschickt als Regel angeprangert. In bewährter Schwarz-Weiß-Manier werden hauptsächlich negative Auswirkungen der Medien beschrieben, vor denen die Kinder zu schützen sind. Zur bewahrenden Fraktion zähle ich auch diejenigen Politiker und Pädagogen, die dem EDV/W3-Training einen Stellenwert „unter vielen anderen Bereichen“ einräumen. Diese „Gelassenheit“ ist unangebracht, dazu hinken die deutschen Schulen dem internationalen Standard schon viel zu weit hinterher und die Hauptschulen leider erst recht. Aufholbedarf bedeutet neue Akzentsetzungen, ohne dabei wiederum ins Extrem zu verfallen. Ich hoffe, dass die bisherigen Ausführungen verdeutlichen konnten, dass hier moderne Montessori-Arbeit als vielfältige Anregung unterschiedlichster Erfahrungen verstanden wird. Motopädagogik und Arbeit mit Sinnesmaterial haben ihren Platz wie Medienarbeit und Exkursionen usw.

Unsere Kinder leben heute in zunehmenden Maße in einer Medienwelt, die oft im Kontrast zur eigenen kleinen erfahrbaren Umwelt steht. So wie wir ihnen selbstverständlich z.B. Verkehrsunterricht erteilen, haben sie auch ein Recht auf Hilfen, sich in der Welt der Medien zurechtzufinden.

Selbstständig werden kann ein Kind nur, wenn es dem Alter entsprechend entdecken und sich bewegen lernen kann: durch wiederholtes Üben. Der aktive Umgang mit PC, Radio, Video,Cassette usw. ist die bewährte Methode, dass Kinder Medien selbstständig handhaben sowie sich in der Welt der Medien kritisch orientieren können. Dieses aktive Lernen ist ein unverzichtbarer emanzipativer Baustein der Entwicklungsförderung zum „mündigen Bürger“. Als solcher kann bezeichnet werden, wer sich z.B. in seinem Stadtteil oder im Beruf mit seinen Interessen einbringen kann und sie „verkaufen“ gelernt hat. Sonst bleibt die Mitbestimmung der öffentlichen Meinung durch den Einzelnen reines Wunschdenken.

Vernetzte Computer gehören in die vorbereitete Umgebung eines modernen Montessori-Klassenraumes

Unter Montessorianern sind Buytendijks Ausführung zur Bildungsrelevanz einer zu schaffenden Umgebung allgemein anerkannt: Demnach soll das Milieu der Montessori-Schule Kulturmilieu sein, es soll in seiner inneren Struktur die Wesensmerkmale der Kultur enthalten. Das Bildungsmilieu sei einfach, konkret, sachlich, gesellschaftlich, organisch, echt, von Kultur durchdrungen. Nach Holstiege betonte Montessori ausdrücklich, dass die Freiheit des Kindes gebunden ist an die Kulturübermittlung.
Zur heutigen Kulturübermittlung gehört die Medienpädagogik und insofern das Internet als Kulturtechnik.

Um Kindern schon früh das Zurechtfinden in der Medienwelt zu ermöglichen, sollten bereits in der Grundschule Erfahrungsfelder geschaffen werden. Für uns Sekundarstufen I – Lehrer gibt es die Chance, Schüler ab Jahrgang 5 zu fördern.

Die Freiarbeit Montessoris ermöglicht in idealer Weise praktische Medienpädagogik. Freiarbeit ist ein fester Bestandteil des Unterrichts, der Schülern in einer „vorbereiteten Ungebung“ die Wahl verschiedener Lernmaterialien ermöglicht. Nach abgesprochenen Arbeitsregeln können hier SchülerInnen unter verschiedenen Lernangeboten frei wählen und ihrem Lerntempo entsprechend allein oder mit Partnern lernen. Gefördert wird immer bewußter selbstständig zu beobachten, zu entdecken, auszuprobieren und zu handeln, dies wiederum schafft ein stärkeres Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Mit zunehmenden Alter ist ein Mitdenken, Mitplanen und Mitgestalten der Freiarbeitsabläufe intendiert.

Die Medienecke mit vernetzten PC`s ist als Lernstation ein zusätzliches Lern-und Übungsangebot. Der PC ermöglicht z.B. die Übung sensomotorischer Fertigkeiten (Auge-, Ohr- und Handkoordination), die Verbesserung räumlicher Vorstellung (Koordination visueller, auditiver und Informationen aus verschiedenen Perspektiven), auch die Motivation zur Leistung wird durch Einflussnahmemöglichkeiten auf den Lernablauf im Programm und durch Selbstkontrolle verstärkt. Bereitgestellte Lernsoftware kann in spielerischer Wissensvermittlung den vorher z.B. im Deutsch-, Englisch-, Bio-und Erdkundeunterricht behandelten Lernstoff wiederholen und üben oder neue Themen erarbeiten. „Polarisation der Aufmerksamkeit“ – warum nicht auch am PC? Auch das Trainieren sozialer Verhaltensweisen wird durch Partnerübungen und kooperative Spiele gefördert. Das Chatten und E-Mailen verbindet Einzelne miteinander. Das angeleitete Surfen im Intranet und wenn möglich auch im Internet kann SchülerInnen auf neue Weise die Tore zum Nachbarn und zur Welt öffnen.

Literaturhinweise:
Montessori, M.: Texte in: Böhm, W.: Maria Montessori Texte und Gegenwartsdiskussion. Bad Heilbronn 1985
Holstiege, H.: Maria Montessoris Neue Pädagogik- Prinzip Freiheit, Freiburg 1987
Perrochon, Louis: School goes Internet, dpunkt.verlag, 1999


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