Radioarbeit mit Hauptschülern

Bericht von Bernd Kowol, aus dem Jahr 1999

Lehrer aus verschiedenen Schulformen sollten sich 2 ½ Jahre im Radiobereich schulen, die unterrichtlichen Einsatzmöglichkeiten testen, mit Schülern Radiosendungen produzieren und Kollegen über ihre Erfahrungen berichten. Meine Aufgabe war es, den Hauptschulbereich zu erkunden. Gemeinsame Träger des Projekts: Landschaftsverband, Landeshauptstadt Düsseldorf, Medienzentrum Rheinland.

1.2 Medienerziehung

Vorausgesetzt werden kann, dass Medienerziehung im Rahmen des Pflichtunterrichts zu integrieren ist. Für die Sekundarstufe I gilt es, die Fähigkeit zur bewußten Auswahl von Medienangeboten und ihre reflektierte Nutzung zu schulen sowie die Fähigkeit nach unterschiedlichen Kriterien zu vergleichen und zu bewerten. Kennenlernen der offenen und unterschwelligen Absichten, Ziele und Strategien der medienproduzierenden und medienverbreitenden Institutionen ist Voraussetzung für die Entwicklung zum kritischen Rezipienten. Besonderes Gewicht wird darüber hinaus auf die praktisch-gestalterische Medienarbeit gelegt. Sie ermöglicht erfahrungs-, handlungs-, schüler- und produktorientiertes Lernen sowie fächerübergreifendes, projektorientiertes Anwenden des Gelernten in der Praxis.

1.3 Zur Arbeit an der Hauptschule

Das Leitziel könnte mit dem `Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit in sozialer Verantwortung` umschrieben werden. Prinzipien des Lehrens und Lernens wie die Erfahrungsorientierung, Wissenschaftsorientierung und Handlungsorientierung sollen die SchülerInnen auf gegenwärtige und zukünftige Lebens-, Arbeits- bzw. Berufssituationen vorbereiten.
Ziele und Inhalte des Unterrichts sind den SchülerInnen lebensnah zu konkretisieren.
Lehr- und Lernformen sind Lehrgänge, projektorientierter Unterricht, Projekte, Erkundungen, Schülerbetriebspraktika, Unterrichtsgespräche, Gruppenarbeit, Einzel- und Freiarbeit.

1.4 Besondere Schulprofilaspekte meiner Arbeit an einer Montessori-Hauptschule

Gilt für den Primarbereich das Motto `Etwas selbst herauszufinden, bedeutet viel mehr, als es gezeigt zu bekommen`, zeigt sich Maria Montessoris pädagogische Aktualität für alle Schulstufen in ihrer fiktiv gestellten Schüleraufforderung an den Pädagogen: `Hilf mir, es selbst zu tun!`.
Montessori vertraut auf die schöpferischen Kräfte im Kinde und sieht die Erziehungsaufgabe darin, diese zu wecken, zu aktivieren und zu motivieren. Schülern Handlungsräume zu eröffnen und sie gemäß ihren Anlagen zu fördern, gelingt unter der Prämisse, dass der Mensch auf „Erlebnisse“ angewiesen ist und

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dass der „Ausdruck“ z.B. durch Bewegung und Sprache zum „Verstehen“ führt und so Voraussetzungen zur Verständigung in der Gemeinschaft schafft.
Freiarbeit (frei zur Arbeit und frei zur Eigen- und Gemeinschaftsarbeit) und Projektorientierung sollen Grundbedürfnissen „nach Intelligenz“ (1) und „Durst nach Bildung“ (2) altersspezifisch entsprechen. Es ist nicht nötig, „Anstrengungen zu vermindern, denn die Anstrengung kann man bewältigen, wenn Enthusiasmus da ist.“(3) Den Aufbau des Selbstwerts ermöglichen das „Prinzip der kleinen Schritte und das individuelle Lerntempo, wie das Prinzip der Wiederholung der Variation und der Selbstkontrolle.“ (4)
Den reformpädagogischen Ansatz Montessoris ganzheitlichen Kopf, Herz und Hand-Lernens möchte ich ergänzt und verstärkt sehen durch Betonung des sozialen Lernens (Förderung der Zusammenarbeit, Lernen angemessener Kommunikation, Erkennen von und Eingehen auf gruppendynamische Prozesse, Verstehen eigener Verhaltensweisen und denen der anderen, Training selbständiger demokratischer Konfliktlösungen). Beziehungs- und Inhaltsebenen sind Grundlagen jeder Kommunikation. Voraussetzung dafür, dass Inhalte gelernt werden können, sind positive Beziehungen.
Montessori ging davon aus, dass das Vertrauen auf die kreativen Kräfte der Schüler ein uns allen bekanntes Bild vermeiden hilft: „…widerwillige, indifferente und träge Geister und respektlose junge Leute.“(5)

1.5 Unterrichtsorganisation und -Inhalte im Kontext des Radioprojekts

Die unterrichtlich integrierte Medienarbeit ist in den Fächern Deutsch, Geschichte, Kunst, Musik, Wirtschaft, Physik, Technik leicht vorstellbar. Auch in freiwilligen Arbeitsgemeinschaften (Video-, Foto- oder Internet-Arbeit z.B.) ist die Umsetzung oft praktiziert.
In der Hauptschule bietet sich mit dem Wahlpflichtunterricht von der 7. bis zur 10.Klassenstufe mit 2 Stunden pro Woche eine zusätzliche Möglichkeit der Medienarbeit. Die SchülerInnen dieser Jahrgänge können klassenübergreifend jeweils für ein Schuljahr Lernthemen und -gruppen wählen. In den Klassenstufen 7/8 ist die Wahl der Wahlpflichtthemen im Rahmen der angebotenen Schulfächer offen gehalten. In den Klassenstufen 9/10 sind die Lernbereiche Naturwissenschaften, Technik/Wirtschaft und Informatik vorgegeben. (6)
Produktiver Medienarbeit entspricht die folgende Richtlinienvorgabe:
„Der Wahlpflichtunterricht soll vornehmlich als projektorientierter Unterricht gestaltet werden.“ (7) Dies ermögliche lebensnahe Fragestellungen aus dem Erfahrungsbereich der Schüler aufzugreifen und im handlungsorientierten Unterricht zu vertiefen. „Maßnahmen zur Lösung praktischer Aufgaben erfordern vielfältige Leistungen von Kopf und Hand, die in der Arbeitswelt von spezialisierten Berufen erbracht werden. (…) Lebensnähe, Handlungsorientierung und ein großes Maß an selbständiger Arbeitsplanung fördern die Motivation der Schüler und heben ihre Lernfreude.“ (8)
Als weitere günstige Bedingung erschien mir für die Medienarbeit im Wahlpflichtbereich die langfristige einjährige Arbeit mit einer maximal 15 SchülerInnen großen Lerngruppe.

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Geeignet erschien mir, die Wahlpflichtdoppelstunden auf die 5./6. Stunden des Schultages legen zu lassen, um ein offenes Ende zu ermöglichen, was bei z.B. bei Exkursionen oder projekttypischen „Zeitloch-Erscheinungen“ (Montessori beschrieb diese Phasen als Polarisation der Aufmerksamkeit) sehr hilfreich sein kann.

2. Radiowerkstatt in der Hauptschule

2.1 Wahlpflichtunterrichts-Phasenmodell

Schrittweise Heranführung der HauptschülerInnen in die Unterrichtsvorhaben ist eine bewährte Montessori-Methodik. Auch in der Radioarbeit bewährte sich die stufenweise Hinführung in die neuen Erfahrungsfelder.
Darüberhinaus bewährte sich der Wechsel in der Methodenvielfalt (Einzel-, Partner- und Kleingruppen- und Gesamtgruppen-Arbeit, Übungen, Spiele usw.), da so eher unterschiedliche Lernarten der SchülerInnen Berücksichtigung finden.
Die Lehrerrolle kann vornehmlich in der Moderation von Lern- und Selbstlernprozessen beschrieben werden. Der Lehrer sollte so wenig Unterstützung wie möglich und so viel Hilfe wie nötig geben.

2.1.1 Einführungs- und Grundlagenphase

Am Beginn der Radiowerkstattarbeit hat sich der Wechsel lehrgangsorientierter Unterweisungen, learning by doing-Phasen und Selbstorganisationsstraining bewährt.
Zum Einstieg könnte das `Reporterspiel` dienen, in dem die SchülerInnen in die Technik und Möglichkeiten der Radioarbeit eingeführt werden. Hierzu benötigt man mehrere Aufnahmegeräte (die z.B. im Medienzentrum ausgeliehen werden können).
Im Wechsel wird jeweils der eine Teil der Gruppe beauftragt, sich Interviewfragen auszudenken, während der andere Teil der Gruppe vom Lehrer in die Aufnahmetechnik eingeführt werden. Oftmals können sie auch diesen Part bereits kundigen Schülern überlassen. Sind nach ca. 25 Minuten alle auf dem „gleichen“ Stand, kommen jeweils zwei zusammen und interviewen sich gegenseitig.
Das Interview sollte nicht länger als 2-3 Minuten sein. Mit dem Abhören der ersten O-Töne können bereits erste Lernaspekte der Radioarbeit besprochen werden (Aussprachequalität, Fragetechnik, Rollengefühle, Wirkung, und technisches Know how).
Da HauptschülerInnen kaum bewußt Radiosendungen hören, gilt es, sie immer wieder mit den verschiedenen Sendern und Darstellungsformen des Rundfunks vertraut zu machen. Glücklicherweise ist durch die kinder- und jugendgemäße Programmgestaltung u.a. von 1live und z.B. auch von Radio 5 eine leichte Rezeptionsmöglichkeit für meine SchülerInnen zu erreichen. Die themenzentrierten Feature in „Lilipuz“, die „Klicker“-Nachrichten sowie 1live Minihörspiele wie „Gutes Reiten – schlechtes Reiten“ eigneten sich gut zur Veranschaulichung der verschiedenen Darstellungsformen im Rundfunk. Gerade die „Klicker“-Nachrichten sind Modell für gutes Rundfunksprechen.
Hörergerechtes Schreiben von kurzen Radiobeiträgen läßt sich z.B. an der Umformulierung von Zeitungsartikeln üben. Schritt für Schritt sollten dann auch Hörbeispiele des „Erwachsenenfunks“ präsentiert werden.

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Gute Modelleffekte erreichte ich auch durch das Abspielen von bereits produzierten Schülerradiosendungen (anderer Schulen). Hier erkennen die SchülerInnen, dass ein typisches Kennzeichen eines Rundfunkbeitrages im Wechsel von Autorentexten und geschnittenen O-Tönen zu finden ist. Hier ließ sich sehr anschaulich das Aufbauschema einer Sendung in Form einer Sendeuhr vermitteln. Schon nach kurzer Zeit konnten die Schüler selbständig beim Hören einer Produktion die entsprechende Sendeuhr nachvollziehen und aufschreiben.
Hier oder aber auch zu späteren Zeiten lassen sich Lern-Exkurse unterbringen:
Rechte und Pflichten in der Rundfunk-Pressearbeit / Pressekodex vom 17.9.97
Unterschiede zwischen dem öffentlich-rechtlichen und dem privaten Rundfunk / rechtliche Grundlagen des Bürgerfunks
Grundlagen guter Gruppenarbeit (z.B. Klärung von Rollenfunktionen, auf Regeln einigen, was tun bei Störungen?)
Für wen wird gesendet? Sendungen haben Zielgruppen!
Grundlage jedes journalistischen Beitrages ist die Beantwortung der W-Fragen (Wer, wo, was, wann, wie, warum und von wem?)
Wie recherchiere ich? Wer kann mir bzw. uns helfen?
Gezieltes Training von Darstellungsformen im Rundfunk (Interview, Bericht, Kommentar, Hörspiel, usw.)
Einladung von Radiofachleuten in die Schule

Lernortwechel sollten immer wieder organisiert werden. Hierzu bieten sich an:
Besuche eines Lokalfunksenders oder eines WDR-Studios
Besuche des Aufnahmestudios im Medienzentrum Rheinland
Demonstration der Bearbeitung von O-Tönen am Computer / Einführung in das digitale Schnitt-Programm „Cutmaster“

Schon während dieser ersten Phase kommen die Schüler zunehmend auf Ideen für eigene Sendeproduktionen.

2.1.2 Redaktionsphase

In der Erarbeitungsphase wird produktorientiert auf eine eigene öffentliche Sendung hingearbeitet. Nach dem sich das Plenum auf ein Thema geeinigt hat, werden wie in einer Redaktion Verantwortlichkeiten und eine Redaktionsleitung bestimmt, die mit Hilfe des Lehrers die „Fäden zusammenhält“. Nun beginnt die notwendige Recherche und Vorbereitung der „O-Ton-Beschaffungsarbeit“: Umfrage-Formulierungen oder Interviewfragen werden in Teams zusammengestellt und am Ende einer Doppelstunde im Plenum vorgestellt und diskutiert. Mit der Leitung müssen notwendige Lernortwechsel (Umfragen, Interviews in der Stadt usw.) abgesprochen und evtl. auch von der Schulleitung bzw. anderen Fachlehrern genehmigt werden.
Aus den Erfahrungen unserer Sendungen haben wir eine Checkliste „Radio selbstgemacht“ entwickelt, die sich als brauchbare Anleitung bewährte. (Anlage 1)
Je nach Bedarf sind auch in dieser Phase Exkurse (unter 2.1.1 beschrieben) durchzuführen bzw. zu wiederholen.

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2.1.3 Endredaktionsphase

Spätestens in dieser Phase werden sich die SchülerInnen mehr und mehr bewußt, dass ein jeder Teil einer Redaktion sind. Die einzelnen Gruppenarbeitsbeiträge werden nun allen vorgestellt. Es wird klar, dass nur durch weitere verstärkte Teamarbeit die nächsten Schritte realisiert werden können.
Die Ergebnisse der schon bearbeiteten Beiträge werden im Plenum kritisch diskutiert, was einer Endredaktionsarbeit gleichkommt. Das Plenum beschließt, wer die Moderation der Sendung übernimmt (meist ist es die anfangs bestimmte Redaktionsleitung). Die Beiträge werden ausgewählt und redigiert. Eventuell müssen noch einmal Teilbeiträge / O-Töne neu aufgenommen werden. Die Moderationstexte werden grob abgestimmt. Spätestens jetzt ist es an der Zeit zu klären, wer passende Musik zum Thema besorgen kann. CD´s haben sich als qualitativ beste Lösung erwiesen.
Ein Studiotermin für das endgültige Aufsprechen der Moderationstexte und Abmischen mit den einzelnen Beiträgen wird mit den zuständigen Stellen vereinbart und durchgeführt.
Ebenfalls ist zu klären, für welchen Tag die Sendung zur Ausstrahlung im Lokalfunk anzumelden ist. Sofern Klarheit über den Sendetermin herrscht, kann die Redaktion bestimmen, wie für Zuhörer geworben werden kann (Wandzeitungen, Rundlauf durch die Klassen, Ankündigung in der Internet-Homepage, der Schülerzeitung usw.).

2.1.4 Nachbereitungs- und Auswertungsphase

Nach der Sendung kann leider nicht davon ausgegangen werden, dass Feedbacks von selbst in die Wahlpflichtgruppe gelangen. Sie müssen eingeholt werden, z.B. durch das Aufzeichnen von Umfragen in den Klassen und im Lehrerzimmer.
Nach der Ausstrahlung der Sendung wird die Produktion noch einmal von allen im Plenum gehört. Günstig ist es zur Nachbereitung „Externe“ (Lehrer, Eltern, Interviewpartner, usw.) einzuladen, um Öffentlichkeit herzustellen.
Zur Manöverkritik gehört die Würdigung des Erreichten. Der Lehrer hat hier mit Geschick darauf zu achten, dass Mitschüler faire Kritik leisten, um Entmutigungen vorzubeugen, was bei einer bereits eingeübten Gruppenarbeitskultur leicht fallen wird.
Konstruktive Ideen zur Verbesserung sollten in einem Ergebnis-Protokoll festgehalten werden.

2.2 Bisher gesendete Radioproduktionen

In den 2 ½ Jahren sind bisher drei Radiosendungen über den Bürgerfunk bei Antenne Düsseldorf ausgestrahlt worden.
Sende-Aufzeichnungen in Cassettenform sind in mehreren Klassen nachträglich gehört und von einigen Kollegen auch im Unterricht als Medieneinsatz verwendet worden. (Ein Beispiel für die Praktikabilität des Buchtitels „Die Medien – Das sind wir selbst“ – Werner Wolf, rororo, 1989)
Die Themen unserer bisherigen Sendungen zeigen das Interesse der SchülerInnen, sich ihren Schulerfahrungsraum zu erweitern. Alle drei Sendungen sind gute Beispiele der Schulöffnung für außerschulische Bereiche.
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Alle drei Produktionen haben Feature-Charakter (Themen werden anschaulich und unterhaltsam präsentiert, lassen hinter die Ereignisse „hören“, erklären, schlußfolgern und geben „Atmo“ vor Ort wieder).
Produziert wurden alle drei Sendungen im Studio des Medienzentrums Rheinland mit Unterstützung des Projektleiters von RADS, Michael Veldkamp.

2.2.1 Sendung „Portrait Maria Montessori“ (von den Wahlpflichtgruppen der 8.,9. und 10.Klassen)

In der ersten Sendung thematisierten die Radio-Wahlpflichtgruppen in Gemeinschaftsarbeit den Namen unserer Schule. Zusätzlicher Anlaß war das 40jährige Jubiläum der Montessori-Grundschule am Farnweg, die u.a. mitten im Messetrubel der Didacta `97 vor tausenden Messebesuchern fünf Tage lang Maria Montessoris Freiarbeitskonzept mit einer Grundschulklasse demonstrierte. Meine Schüler führten begleitend auf der Messe Umfragen und Interviews durch. Ihr Feature wurde am 6.Juni `97 im Bürgerfunk auf Antenne Düsseldorf gesendet. Die Freistellung der Schüler für diese Messe-Exkursionen wurde durch frühzeitige Freigabeanfragen bei Kollegen und der Schulleitung erreicht.
Angekündigt wurde die erste Sendeproduktion mit einem Sonderdruck der Schülerzeitung unserer Schule „MM-News“. (Anlage 2).
Die Schüler des Radioprojekts erhielten positive Kritik, u.a. auch von Eltern, Lehrern und Schülern der Montessori-Grundschule.

2.2.2 Sendung „Karnevalsshow“ (von der Wahlpflichtgruppe der 10.Klasse)

Düsseldorf und Karneval ist für viele Schüler jedes Jahr aufs Neue eine innig gepflegte Beziehung. Um so erstaunlicher ist es, daß über die Geschichte des Karnevals so gut wie niemand Bescheid weiß. Diesen Lehrerimpuls griffen die Schüler des Radioprojekts auf und wollten wissen, ob die Bürger in der Stadt genau so wenig wußten. Umfragen und Interviews rund um das Thema (Sind sie Karnevals-Jeck oder -Muffel? Wie verbringen sie die Karnevalszeit?) wurden ergänzt durch Erkundungen und Dokumentationen in Karnevalsvereinen und abgerundet mit dem Interview unseres Schulleiters. Die Musik wurde von den Schülern derart zusammengestellt, daß zwischen den Beiträgen „abgehottet“ werden konnte. Höhepunkt der „Karnevalsshow“ war ein selbstgemachter Hörspielsketch.
Diese Sendung, die am 18.2.98 auf Antenne Düsseldorf gesendet wurde, bekam besonders gute Rückmeldungen von den Mitschülern.
Anmerkung: Für alle überraschend kam es bei diesem Thema im Unterricht zu kontroversen Diskussionen, die religiös bedingt waren. Für die eher christlich-orientierten SchülerInnen war es neu, daß man beim Karneval neben „Jeck“ oder „Muffel“ auch eine strikt ablehnende islamisch-orientierte Haltung einnehmen kann.

2.2.3 Sendung „Fortuna Düsseldorf“ (von der Wahlpflichtgruppe der 10.Klasse)

Vor allem für die Jungen ist der lokale Fußball-Bundesligaverein Woche für Woche Gesprächsthema. Die Idee durch das Radioprojekt an den Trainer Klaus Allofs und die Spieler heranzukommen, wurde immer wieder von Schülern eingebracht. Realisiert werden konnte diese Idee durch einen ehemaligen Schüler, der gute Beziehungen zu Fortuna Düsseldorf hat und der mittlerweile einen Beruf in der
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Werbebranche ausübt. Die Realisierung dieses Projekts war trotzdem lange in Frage gestellt. Die nicht ungefährdete Tabellenlage des Vereins ließ die Öffentlichkeitsverantwortlichen des Vereins zögern, ob sie den Schülern Recherchen vor Ort genehmigen sollten.
Der Verein befürchtete „Konzentrationsstörungen“ der Spieler im Abstiegskampf. Dadurch wertete der Verein die Arbeit der Schülerredakteure auf; entsprechend stolz waren die Schüler, als endlich die Aufnahmen beim Training im Rheinstadion gemacht werden konnten. Die Sendung enthält Umfragen bei den Spielern über ihren neuen Trainer, Interviews mit den Marketingleitern und dem Trainer Klaus Allofs. Abgerundet wird die Sendung durch einen Schülerkommentar. Die Äußerungen des Fortuna-Präsidenten Helge Achenbach ( „Spieler sind Memmen“und Forderungen nach einem harten Trainerstil ) forderten die Schüler zu einer Gegenmeinung heraus.
Es ergab sich hier auch eine fächerübergreifende Unterstützung: Die 10. Klassen, die zur Produktionszeit im Fach Deutsch ein 4wöchiges Zeitungsprojekt „Schüler machen Zeitung“ durchführten, schickten den Kommentar der WZ-Redaktion zum Vorabdruck ein. Der Kommentar wurde mit einer Werbe-Ankündigung für die Schülerradiosendung auf Antenne Düsseldorf am 18.11.98 unter der Überschrift „Fußballprofis schalten auch auf Durchzug“ in der Westdeutschen Zeitung abgedruckt. (Anlage 3) Die Schüler bekamen von Redakteuren der WZ, von Mitschülern und der Schulleitung positives Feedback.

2.3 Zur Bewertung von Schülerleistungen im Wahlpflichtunterricht Radio

Eine vielfach nachgefragte Thematik ist die der Benotung der Wahlpflichtarbeit. Hier hat sich als günstig erwiesen, die Leistungskriterien gemeinsam mit den Schülern abzustimmen und jeweils vierteljährlich die Selbst- und Fremdeinschätzung zu diskutieren. Dabei achte ich darauf, daß die vielen verschiedenen Beiträge, selbständigen Einsätze und Initiativen sowie auch soziales Verhalten für die Bestimmung der Gesamtnote Berücksichtigung erfährt. Einen Teil der Note kann über schriftliche Ergebnisse bestimmt werden. Dazu gehören kleine Tests wie z.B. die Erstellung einer Sendeuhr mit differenzierter Beschreibung der Darstellungs-formen einer gehörten Sendung oder ein Wissenstest über die durchgeführten Exkurse (Anlage 4). Weiter können für die schriftliche Beurteilung die Führung einer Wahlpflichtmappe oder auch die schriftlichen Arbeiten für die Sendung (Entwicklung von Interviewfragen, Schreiben eines Kommentars usw.) berücksichtigt werden.

3 Resumee und Ausblick

3.1 Kinder, Jugendliche und Medien

Die Teilnahme an dem 2 ½ jährigen Projekt bewirkte, dass ich mich intensiver mit Medienfragen befaßte und ihnen heute noch mehr Beachtung schenke.
Medien sind Teil unserer alltäglichen Umwelt und gerade Hauptschüler sind der Gefahr passiven Konsumierens ausgesetzt, sind sie doch oft allein gelassene Kinder und Jugendliche. Meine Umfragen in meinen Wahlpflichtkursen und der eigenen Klasse ergaben, dass vor allem Fernsehen, Videos und Cassetten/CDs „nebenbei“ konsumiert werden. Bemerkenswert ist dabei, dass das Fernsehen dabei oft wie ein Radio-Hintergrundsklangteppich genutzt wird.

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Von zu Hause bringen nur sehr wenige Schüler Wissen um die Kulturangebote und die verschiedenen Darstellungsformen in den Medien mit.
Das Radio steht klar im Schatten der eigentlichen „Geschwister“ meiner Schüler: „TV“ und „Video“. Mehrere Stunden am Tag stehen meine SchülerInnen mit diesen
„Einwegkommunikatoren“ in „Kontakt“. So bringen sie oft ein reduziertes Sinnesleben, Erleben aus 2.Hand und vor allem kein Dialog-Training mit. Eher egozentrierte monologische „Kommunikationsformen“ überwiegen vor allem bei den Jüngeren. Gerade die durch Medien vorgegaukelte Arbeitsleichtigkeit und Perfektion schwächt den Selbstwert der SchülerInnen. Medienmodellorientiert schrauben sie ihre eigenen Erwartungen oft zu hoch und können sie nicht realisieren.
Kulturtechniken wie Sprechen, Schreiben und Lesen werden zu wenig trainiert.
Bei der Arbeit mit Hauptschülern beobachtete ich, dass in der Regel mit einer Überschätzung der eigenen Möglichkeiten zu rechnen ist und achtete deshalb auf realistische schrittweise Zielsetzungen, um weiteren Entmutigungen vorzubeugen.
Die Arbeit mit Medien, gerade auch die Aussicht, selbst Radio machen zu können, stiess auf Neugier und Interesse bei den Schülern. Oft geäußerte Ideen waren, nun selbst Musiksendungen machen oder vielleicht Stars interviewen zu können.
Die Kenntnis verschiedener Darstellungsformen im Rundfunk kann auch in den höheren Klassenstufen 9/10 nicht vorausgesetzt werden. Medien erschließen sich den SchülerInnen nicht von selbst. Radio in der Schule kann von ihnen als Medium für Informationen, gemeinschaftliches Lernen und Kulturangebote entdeckt werden. Medienerziehung in der `Informationsgesellschaft` kann Hilfen auf dem Weg durch den `Mediendschungel` geben.

3.2 Wahlpflichtunterricht als Radiowerkstatt hat sich bewährt

Der Wahlpflichtunterricht Radiowerkstatt hat sich meiner Meinung als wirksamer Beitrag zur Medienerziehung erwiesen. In allen Klassenstufen entspricht die Radioarbeit den Vorgaben der Richtlinien für den Wahlpflichtbereich.
Nach den Erfahrungen meiner Arbeit, kann ich folgende Lernziele einer Radiowerkstatt formulieren. SchülerInnen lernen
komplexe inhaltliche Zusammenhänge in verständlicher und präziser Form auf wenige Aussagen zu beschränken,
sich in verschiedenen Rollen (Befrager, Befragte, Sprecher, Moderator) zu üben,
dass die hörbare Wirklichkeit nie „objektiv wahr“ ist, sondern immer eine von Menschen und daher „subjektiv gestaltete Konstruktion der Wirklichkeit“ ist,
welche verschiedenen Darstellungsformen es im Rundfunk gibt,
ihre Sprachkompetenz zu erweitern (Verstehen, Formulieren, Sprechen)
adressatenbezogene Texte für Hörer (einfache Satzkonstruktionen, wenige Informationen, schrittweises formulieren und wiederholen) zu entwickeln,
für Hörer zu sprechen (deutlich, betont und mit relativ langsamer Sprachgeschwindigkeit)
sich mit der Radioproduktions-Technik (Umgang mit Reportageeinheiten – Mikrofon, Mini-Disc-Recorder- und der Schnittbearbeitung am Computer) „learning by doing“ vertraut zu machen und
gerade auch wichtige sozialpsychologische Schlüsselqualifikationen (Sozial- und Persönlichkeitskompetenz) zu trainieren, z.B. Üben des Zuhörens, Verstehens, Klärens in der Teamarbeit.
Nicht alle Schüler sind zu begeistern gewesen. Gelungen ist aber durchweg das Wecken von Interesse für das Medium Radio und ein bewußterer und kritischerer
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Konsum dieses Mediums. Es gelangen auch besondere Beiträge zur Berufsvorbereitung: Einem Schüler gab die Produktion der Sendung „Portrait Maria Montessori“ so viel Anschub, dass er zum einen bis zur 10. Klasse am Radioprojekt
„dranblieb“, zum anderen beim WDR einen Praktikumsplatz erhielt und nun fest entschlossen ist, einen Medienberuf zu ergreifen. Wunsch: Moderator im Sportbereich. Ein Schüler meiner jetzigen 10. Klasse, der bereits einen Ausbildungsplatz in einer Werbeagentur in Aussicht hat, wird auf eigenen Wunsch nach dem ersten Halbjahr vom einem anderen Wahlpflichtangebot zur Radiowerkstatt wechseln. Er verspricht sich als `Computerfreak` wichtige Lernerfahrungen mit unserem digitalen Schnittprogramm „TripleDat“ für seine spätere Berufspraxis. Darüber hinaus kann ein hoher Nutzwert für jeden Schüler im Training von Schreib-, Lese- und Sprechfähigkeiten (von SchülerInnen auch als Vorbereitungstraining bei Bewerbungen erkannt) sowie im Training sozialer Kommunikation in der Gruppenarbeit (Stärkung des Selbstwert- und Wir-Gefühls) gesehen werden. Radioprojekte bieten sich als Identifikationsobjekte für SchülerInnen an und können zur Identifikation mit der Schule beitragen.

3.3 Fächerübergreifende Impulse

Beschrieben wurde bereits, dass schülerproduzierte Radiosendungen als Medien im Unterricht eingesetzt werden. Bestimmte Vorarbeiten wie z.B. das Schreiben von Interviewfragen sind u.a. in der Freiarbeit des regulären Klassenunterrichts entstanden.
Durch die Heranbildung von Schüler-Radiospezialisten im Laufe eines Schuljahres können diese SchülerInnen fächerübergreifend Moderatoren- bzw. Unterstützungsfunktionen von LehrerInnen und SchülerInnen für die Entstehung von Radiobeiträgen in anderen Unterrichtsfächern und Klassenverbänden übernehmen.

3.4 Schule auch als `Lernort Radiostudio`

Durch die schrittweise Anschaffung von Studiomodulen entstand am Schluß des Projekts sogar ein schuleigenes Radiostudio, so dass viele Bearbeitungen von O-Tönen nun in den eigenen Räumen erfolgen können.
Dennoch bleiben Lernortwechsel, wie z.B. die Inanspruchnahme des Profistudios im Medienzentrum Rheinland mit professioneller Hilfe weiterhin erstrebenswerte Exkursionen. Die Möglichkeit der eigenen O-Ton- und Moderationsbearbeitung macht uns allerdings ein Stück unabhängiger und schneller, so dass analog zur Idee bzw. Aufforderung „Schreib doch mal einen Artikel über das Thema!“ nun tatsächlich auch die Umsetzung von „Mach doch mal `ne Radiosendung daraus!“ realistischer geworden ist. Meine Kollegen sind durch die gesendeten Produktionen, durch ihre Verwendbarkeit im Unterricht sowie durch eine Thematisierung in der Lehrerkonferenz interessiert worden. Ich engagiere mich im Rahmen unserer pädagogischen Konferenzen für die Bildung einer Medienkerngruppe (verantwortlich z.B. für Computer-, Funk-, Internet-, Radio-, Zeitung- und Videobereich) an der Schule, die helfen könnte, Austausch, Unterstützung, Betreuung der Medienfachräume sowie kollegiale Fachberatung zu realisieren. Sie könnte mithelfen, dass integrierte Medienarbeit im Regelunterricht sich weiter entwickeln kann. Diese Mediengruppe könnte auch den Kontakt zu ehemaligen Schülern oder Eltern und interessierten Externen halten, die unsere Schularbeit unterstützen wollen. Meine Erwartungen, mit dem Projekt „Radio aus der Schule“ im Sinne des
prozeß- und handlungsorientierten- sowie teambezogenen Unterrichts ein weiteres Wirkungsfeld zu erschließen, haben sich voll erfüllt.

1) Maria Montessori, Von der Kindheit zur Jugend, Freiburg, 3. Auflage, 1979, S.108
2) Ebd., S.126
3) Maria Montessori, Spannungsfeld Kind-Gesellschaft-Welt, Freiburg 1979, S. 112
4) Fachlexikon der sozialen Arbeit, Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge (Hrsg.), Eigenverlag, 3. Erneute Auflage, Frankfurt a.M., 1993, S. 656
5) Maria Montessori, Von der Kindheit zur Jugend, a.a.O., S. 126
6) Überblick zu den Richtlinien in der Hauptschule: Amtsblatt `98/`99 des
Ministeriums für Schule und Weiterbildung, Wissenschaft und Forschung NW,
BASS, 1.7.1998, S. 701
7) Projektentwürfe für den Wahlpflichtunterricht in der Hauptschule, NW, Heft 32042,
Lernbereich Naturwissenschaften, S.7
8) Ebd., S.7


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