Motopädagogik

Unter Motopädagogik ist gemäß der Konzeption der Grundlagenkommission des ,,Aktionskreises Psychomotorik e.V“:
ein Modell der Persönlichkeitsbildung über motorische Lernprozesse zu verstehen. Es geht darum, das Kind zu befähigen, sich sinnvoll mit sich selbst, seiner
dinglichen und personalen Umwelt auseinanderzusetzen und entsprechend zu handeln. Diese Lernprozesse spielen sich im Motorischen ab, im Kognitiven, in Affektiven und im Sozialen.Durch entsprechende entwicklungsgemäße und kindgemäße Übungsangebote soll das Kind eine weitgehend selbstständige Handlungsfähigkeit erlangen.“

Zusammenhänge der Montessoripädagogik mit der Motopädagogik

Zwischen Maria Montessoris Vorstellung zur Entwicklung der kindlichen Bewegung und der heutigen Auffassung der Motopädagogik (nach Kiphard) sind
grundsätzlich Parallelen zu sehen. Durch die Schulung der Bewegungskoordination und der Sinneswahrnehmung, sollen die Kinder im Alltag unserer Gesellschaft handlungskompetent gemacht werden. Gleichzeitig soll durch das Medium ,,Bewegung“ ihre Persönlichkeit motorisch und psychisch entwickelt und stabilisiert werden.
Psychomotorische Erziehung geht davon aus, dass erst durch vielseitige und ganzkörperliche Bewegungs- und Wahrnehmungserfahrungen die Grundlage für eine
ausgeglichene Persönlichkeit geschaffen wird.
Hier gelten nicht die im Sport üblichen Werte ,,höher- schneller- weiter“, sondern das Kind sollte zunächst über möglichst breit angelegte Wahrnehmungserfahrungen
und Bewegungsmuster verfügen.

Im Sinne der Selbsttätigkeit nach Montessori erlebt das Kind in der Motopädagogik, daß es weitgehend selbstständig am Entscheidungsprozess mitgestalten kann, was und wie oft es nach seinen individuellen Möglichkeiten spielen oder üben darf. ,,Wichtig ist dabei ebenfalls, dass das Kind Zeit zur Gewinnung eigenständiger motorischer Erfahrungen hat und dass dieser Prozess, nicht durch die Belehrung des Erwachsenen abgekürzt und ersetzt wird.

Festgelegte Bewegungsanweisungen und feststehende Übungsformen begünstigen zwar den Erwerb von Fertigkeiten, für die darüber hinaus gehenden Erfahrungen bedarf das Kind jedoch eines Handlungspielraums, innerhalb dessen es verschiedene Wege erproben und mit kreativen Bewegungseinfällen experimentieren kann.“ (aus R. Zimmer: Psychomotorik 1987 )

Erfolg und Misserfolg geben dem Kind unmittelbar Rückmeldung über seine Handlungen. Auch Fehler sind unter diesem Aspekt sinnvolle Lernerfolge.

Motopädagogik an der Montessori-Hauptschule Hermannplatz

Seit dem Schuljahr 1991/92 wurde an unserer Hauptschule für die Jahrgangsstufen 5 und 6 Motopädagogik im Rahmen der Bewegungserziehung ergänzend zum Sportunterricht eingeführt. Es soll ein zusätzlicher Bewegungsraum für Kinder, die
aus verschiedenen Gründen den curricularen Leistungsanforderungen nicht gewachsen sind, angeboten werden.
Kinder mit motorischen und sozialen Auffälligkeiten wie:

– Bewegungsunruhe
– Bewegungsschwächen und Störungen,
– Konzentrationsschwierigkeiten,
– Ängstlichkeit und fehlendes Selbstbewußtsein,
– Fehlhörigkeit,
– Unbeherrschtheit

werden mit Hilfe eines psychomotorischen Koordinationstests ( KTK, Schilling) ermittelt und in Absprache mit dem Klassenlehrer zum motopädagogischen Sportförderunterricht ausgewählt.

Einmal in der Woche findet unter Anleitung einer ausgebildeten Motopädagogin diese Form von Unterricht für 45 Minuten statt. l0 Kinder aus einer Klasse werden
im Rahmen der Freiarbeit aus dem Unterricht herausgenommen und nehmen ca. 15-mal am motopädagogischen Programm teil. Danach wechselt die Gruppe.

Der Inhalt des Rahmenprogramms

Die Motopädagogin hat die Aufgabe, über gezielte Bewegungsformen die Wahrnehmung und Koordinationsfähigkeit der Kinder zu fördern, sowie
den Verhaltensstörungen entgegenzusteuern.
Es werden sportliche Spiele und Übungen angeboten zur Verbesserung

a) der Reaktion, der räumlichen Orientierung und Differenzierung, des Rhythmus- und des Gleichgewichtsgefühls,
b) der sozialen Fähigkeiten in der Gruppe
c) des Wahrnehmungsvermögens
d) der Frustrationstoleranz
e) der visuellen Aufmerksamkeit.

Materielle Hilfsmittel bei der Durchführung des Unterrichts sind spezielle psychomotorische Geräte wie Rollbretter, Trampoline, Jongliergeräte, Therapiekreisel,
Physiobälle, Schwungtuch, Schaukel- und Klettergräte, Entspannungsmusik, Murmeln, Knete, Ton.

Ergänzend zu dem Lehrerangebot der Spiele und Übungen, gestalten die Kinder weitgehend ihren Unterricht mit. Sie wählen die Spiele und Materialien aus, entscheiden, ob sie
mitspielen wollen oder nur Zuschauer sind.
Folgende Spiele mögen die Kinder besonders gerne:

– Rollbrettparcours, Rollbrettführerschein, Rollbrett-Handball,
– Luftballonspiele, Schwungtuchrollen, Verstecken im Dunkeln,
– Hockey, Kletterspiele am Hermannplatz, Schaukeln in Autoreifen,
– Abenteuergeschichten erfinden und dann nachspielen,
– Jonglieren mit Tellern und Bällen, Pyramiden mit Kindern bauen,
– Springen und Kunststückchen machen auf dem Trampolin,
– Raufen und Ringen auf der großen Weichmatte.

Neben den Spielaktionen ist die Entspannungsphase und Genießen von Stille ein wesentliches
Stundenerlebnis. Wenn die Kinder einmal die wohltuende Wirkung von Stille und
Körperentspannung erfahren haben, möchten sie in keiner Stunde darauf verzichten.

Abgrenzung vom Sportunterricht

Die Motopädagogik ist nicht an die Norm der Sportdisziplinen gebunden. Die Kinder unterliegen nicht dem Leistungsdruck, Stärkster und Bester im sportlichen Wettkampf zu sein. Es gibt keine Noten, sondern eine Teilnahmebescheinigung auf dem Zeugnis.
Die psychomotorische Stunde ist nicht lernzielorientiert, sondern ähnlich wie in der
Freiarbeit bewegen sich die Kinder nach ihren individuellen Möglichkeiten und körperlichen Voraussetzungen.
Kinderäußerungen

auf die Frage:“ Warum findest du ,,Fitness“ gut?
(Fitness wird bei den Kindern die psychomotorische Stunde genannt)

Jenny: ,,… weil es so gut ist und sehr viel Spaß macht. Mir gefällt das Rollbrett, weil meine Kopfschmerzen danach weg gehen.“

Saskia: ,,Nach der Entspannung fühle ich mich fit.“

Kira: ,,Ich habe die Spiele gut mit meinem Asthma geschafft.“

Raimondo: ,,Ich konnte mich besser konzentrieren als in der Klasse.“

Mirza: ,,… weil man da so schöne Spiele machen kann und zum Schluss eine schöne Entspannung ist.“

Timm: ,,Mir hat alles gut gefallen, wir konnten die Spiele selbst aussuchen.“

Ibo: ,,Ich finde gut, dass wir mit allen Kindern klar kommen. Schade, dass es nur einmal in der Woche ist.“

Renée Hutschenreuter-Becker

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